Heilpflanzenportrait

Bryophyllum pinnatum

Bryophyllum pinnatum
Oder Kalanchoe pinnata, Bryophyllum calcinum

 

 

Volkstümliche Namen:

Brutblatt, Keimzumpe, Goethepflanze, Sprossblatt, Lebenszweig, Kindlipflanze
Begegnung mit dieser eigenwilligen Vitalpflanze

Das aus den trockenen Gebieten vor allem im Südwesten der Insel Madagaskar stammende Bryophyllum pinnatum finden wir heute in vielen tropischen und subtropischen Gebieten als eingewanderte bzw. eingebürgerte Pflanze wild vorkommend oder in Kultur.

Wenn man dieser Pflanze das erste Mal in ihrer vollständig ausgewachsenen Ausprägung gegenübersteht, verrät sie nicht viel von ihrem Geheimnis. Auf den ersten Blick eine unspektakuläre, gerade, aufrecht wachsende, ein wenig Stolz aber einfach wirkende Pflanze, die in einem immer ähnlichen Grün Blatt um Blatt bildet und damit am Wildstandort eine Höhe von bis zu 1,50 m erreichen kann. Die rötlich violett umrandeten Blätter sind fleischig bis wässrig und in der typischen Weise der Sukkulenten in der Lage, Wasser lange zu speichern. Die Pflanze erscheint das ganze Jahr über in einer spitzen dreieckigen Form, die von weitem an einen Tannenbaum erinnert.

Die Blätter lassen sich leicht, fast wie feines Glas, vom Stängel brechen und zeigen noch lange nach der Trennung von der Mutterpflanze keine Alterungsanzeichen. Liegen diese saftigen, enorm vitalen Blätter auf dem Boden, beginnt eine spektakuläre, fast schon magische Prozedur. Statt sich zu zersetzen, wachsen ganz langsam aus den Blattkerben neue kleine Pflänzchen. Das Blatt übernimmt nahezu die gesamten Aufgaben der Blüten, Früchte und Samen, nämlich die Fortpflanzung.

Rudolf Steiner weist darauf hin, dass Goethe dies faszinierte, weil er in dieser Pflanze seine Idee des Urbildes bestätigt und sinnlich wahrnehmbar fand (STEINER 1987). Das Ganze ist sozusagen als überräumliches und überzeitliches geistiges Prinzip in jedem Teil der Pflanze, also ihrer räumlich-zeitlichen Manifestation immer anwesend. “Alles in Einem und aus Einem glaubt ich mit Augen zu sehen“  (GOETHE in BALZER G.1949).

Bryophyllum wurde schon von Rudolf Steiner zur Behandlung von Hysterie empfohlen. Heute bestätigen diverse Studien die relaxierende Wirkung der Pflanze bei Unruhezuständen und Schlafstörungen. In der Geburtshilfe wird Bryophyllum erfolgreich bei vorzeitigen Wehen eingesetzt, ohne nennenswerte Nebenwirkungen im Vergleich zu synthetischen wehenhemmenden Mitteln. Gute Erfolge zeigen sich auch bei der Behandlung der hyperaktiven Blase. In der Anthroposophischen Medizin wird neben Bryophyllum pinnatum auch eine nahe verwandte Art, Bryophyllum daigremontiana, in einem Kompositionspräparat verwendet. Dieses Präparat wird bei Unruhe- und Erregungszuständen, klimakterischen Beschwerden, sowie Verstimmungszuständen beim prämenstruellen Syndrom eingesetzt.
In ihrer substantiellen Ausprägung unterscheiden sich die Pflanzenarten u.a. in ihrem Gehalt an Bufadienolid-Verbindungen und Flavonoiden. Beide Inhaltsstoffe zählen zu den möglichen relevanten Hauptwirkstoffen von Bryophyllum.

 

 

 

Literatur :

Balzer, G. 1949: Goethes Bryophyllum. Ein Beitrag zu seiner Pflanzenmorphologie. Gartenverlag, Berlin Kleinmachnow 1949

Steiner, R. 1987: Einleitung zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1987
Simoes-Wüst, A., Rist, L.: Bryophyllum in der präklinischen und klinischen Forschung. Der Merkurstab 2007, Heft 5